Es gibt Saisons, die kommen und gehen, ohne dass irgendjemand außerhalb der Modewelt es mitbekommt. Und dann gibt es Frühling/Sommer 2026. Eine Saison, in der gleich 15 Kreativdirektoren ihr Debüt feierten – darunter Matthieu Blazy bei Chanel, Demna bei Gucci und Jonathan Anderson bei Dior. Das ist, als würde man in der Bundesliga die Hälfte aller Trainer auf einmal austauschen. Die Ergebnisse? Überraschend gut, tatsächlich.
Aber fangen wir vorne an.
Cloud Dancer: Eine weiße Leinwand – im wörtlichen Sinne
Pantone hat mit Cloud Dancer zum ersten Mal in der Geschichte einen Weißton zur Farbe des Jahres gewählt. Kein knalliges Magenta, kein warmes Pfirsich – einfach ein weiches, leicht cremiges Weiß. Pantone beschreibt es als „leere Leinwand" und spricht von Fokus, Vereinfachung und Neuanfängen.
Klingt erstmal langweilig? Verständlich. Aber genau das ist der Punkt. Nach Jahren voller visueller Reizüberflutung – Dopamin Dressing, Barbiecore, grell-pinke Überall-Muster – fühlt sich das an wie ein bewusstes Durchatmen. Cloud Dancer funktioniert am besten als Basis: zu Pastelltönen, zu Sand und Taupe, oder als bewusster Kontrast zu den kräftigen Farben, die diese Saison überall aufgetaucht sind.
Die Farben: Alles, nur nicht leise
Denn während Pantone auf Stille setzt, haben die Laufstege das Gegenteil gemacht. Wer bei den Fashion Weeks in New York, London, Mailand und Paris aufgepasst hat, hat eine regelrechte Farbexplosion gesehen:
- Chartreuse – dieses spezielle Gelbgrün, das man entweder liebt oder hasst, war überall. Von New York bis Paris, quer durch alle vier Städte.
- Kobaltblau – bei Valentino, Celine, Loewe. Von Eisblau bis tief gesättigt.
- Signalrot – Matthieu Blazys Chanel-Debüt war voll davon, Stella McCartney ebenso.
- Violett – von Pflaume bis Flieder, in jeder Variante.
- Zitronengelb – Balenciaga, Miu Miu, Loewe setzten auf Sonnenschein.
Die Mischung ist spannend: Stimmungsaufhellende Farben treffen auf eine fast romantische Weichheit. Das Ergebnis fühlt sich optimistisch an, aber nicht naiv.
Damenmode: Transparenz, Volumen und eine Prise 80er
Der größte einzelne Trend bei der Damenmode? Transparente Stoffe. Und zwar nicht als subtiler Hauch, sondern als Statement. Durchsichtige Kleider, geschichtete Overlays, schimmernde Organza-Mäntel. Was vor ein paar Jahren noch als gewagt gegolten hätte, ist jetzt einfach die nächste Entwicklung von Layering – nur eben mit Stoffen, durch die man hindurchsehen kann.
Daneben dominieren Bubble-Silhouetten: Puffärmel, Ballonröcke, Peplum-Blusen. Balmain, The Attico, Alexander McQueen und Chloé haben diese voluminösen Formen in verschiedensten Varianten gezeigt. Es ist das Gegenteil des Body-Con-Ansatzes – Kleidung nimmt Raum ein, anstatt den Körper zu umschließen.
Und dann wären da noch die Power Shoulders. Breite, betonte Schultern sind zurück – nicht als subtile Polsterung, sondern als bewusstes Designelement. Bei Versace hat Dario Vitale für sein Debüt gleich die volle Miami-Vice-Ladung geliefert. Chloé und Valentino waren etwas zurückhaltender, aber die Richtung ist klar: Schultern sind wieder ein Thema.
Was Materialien angeht, ist die große Story Handarbeit. Häkelarbeiten sind auf der London Fashion Week um 835 Prozent gestiegen – das ist kein Tippfehler. Federn, Fransen, dreidimensionale Blumenapplikationen – alles, was handwerkliches Können zeigt, steht hoch im Kurs. Die Botschaft ist simpel: Qualität schlägt Logo.
Herrenmode: Das Ende der Jogginghose (endlich?)
In der Herrenmode passiert etwas, das sich schon seit ein paar Saisons angekündigt hat und jetzt wirklich angekommen ist: Männer ziehen sich wieder an. Klingt banal, ist es aber nicht. Nach Jahren, in denen Hoodies und Jogginghosen als akzeptable Alltagsuniform galten, geht der Trend klar in Richtung bewusstes, strukturiertes Anziehen.
Das Stichwort lautet Soft Tailoring. Sakkos und Hosen, die genug Struktur haben, um poliert auszusehen, aber weich genug geschnitten sind, um bequem zu bleiben. Giorgio Armani macht das seit Jahrzehnten – jetzt ziehen alle anderen nach.
Die wichtigste Veränderung betrifft die Hosen. Weite Beine, hoher Bund, Bundfalten – in Wolle, tropischer Wolle und Leinenmischungen. Die Skinny Jeans ist nicht nur tot, sie wird nicht mal mehr vermisst. Stattdessen gibt es großzügig geschnittene Hosen, die aussehen, als hätte man sich Gedanken gemacht.
Leinen ist das definierende Material der Saison. Leinenanzüge, Leinenhemden, Leinenjacken – in Sand, Beige, hellem Blau, Oliv. Es ist die perfekte Balance zwischen lässig und seriös, besonders wenn die Temperaturen steigen.
Textur schlägt Logo. Qualität, Passform und Material ersetzen offensichtliches Branding. Wer im Sommer 2026 gut angezogen sein will, braucht kein sichtbares Markenschild – sondern Stoffe, die sich gut anfühlen und gut altern.
Was Farben angeht, überrascht die Herrenmode mit einem deutlichen Bruch: Statt der üblichen Erd- und Neutraltöne setzen die Laufstege auf leuchtendes Orange, Türkis, Pink und Kobaltblau. Lachsrosa war bei Willy Chavarria und Dior ein Hauptthema. Das ist nicht subtil – und genau darum geht es.
Streetwear wird erwachsen
Die Streetwear-Szene durchläuft gerade ihre eigene Art von Reifeprozess. Das Logo-schwere, Hype-getriebene Modell der letzten zehn Jahre funktioniert nicht mehr so wie früher. Was stattdessen kommt, ist schwer in ein Wort zu fassen, aber „intentional" trifft es ganz gut.
Preppy-Einflüsse mischen sich mit Heritage-Workwear. Loose-Fit-Silhouetten bleiben, werden aber minimalistischer und durchdachter gestylt. Die Kollaborationen zwischen Luxus und Streetwear gehen weiter – Fear of God x Nike, Stüssy x Dior – aber der Fokus verschiebt sich: weg von limitierten Drops, hin zu Stücken, die man tatsächlich länger tragen will.
Nachhaltigkeit ist dabei keine Option mehr, sondern Voraussetzung. Bio-Baumwolle, recyceltes Polyester, Hanf – besonders die Gen Z erwartet das als Standard, nicht als Bonus.
Die Shows, die alle reden ließen
Matthieu Blazy bei Chanel war das Event der Saison. Ein Laufsteg, der wie eine glamouröse U-Bahn-Station inszeniert war, und ein Finale-Look mit einem ballförmigen Rock aus mehrfarbigen Federplümen. Blazy hat das Rad nicht neu erfunden – er hat es feiner justiert. Und genau das war der richtige Ansatz für ein Haus wie Chanel.
Louise Trotter bei Bottega Veneta – die erste Kreativdirektorin in der Geschichte der Marke – hat in Mailand einen königlichen Cape gezeigt, für den 4.000 Stunden Handwebarbeit nötig waren. Dazu Stücke aus recyceltem Fiberglas, die aussahen, als würden sie von innen leuchten. Das war der Moment, in dem Milano Fashion Week ihren Atem anhielt.
Demna bei Gucci eröffnete die Mailänder Modewoche mit einem Kurzfilm namens „The Tiger" – ein unkonventioneller Einstieg für ein Haus, das unter Tom Ford und Alessandro Michele ganz andere Strategien verfolgte.
Was nicht mehr geht
Damit das Ganze nicht nur eine Aufzählung von Trends ist, hier auch ehrlich gesagt, was langsam ausgedient hat:
- Overly Baggy Jeans – Weite Hosen ja, aber mit Intention und Struktur, nicht wie ein Zelt.
- Micro Bags – Die winzigen Taschen, in die nicht mal ein Schlüssel passt? Vorbei. Praktische, größere Bags sind zurück.
- Logo-Overload – Wenn man die Marke auf 200 Meter Entfernung erkennen kann, ist es zu viel.
- Sad Beige – Die Ära der deprimierenden Neutraltöne neigt sich dem Ende zu. Farben sind erlaubt. Sogar erwünscht.
Das Fazit: Weniger Lärm, mehr Substanz
Wenn diese Saison eine übergreifende Botschaft hat, dann diese: Mode darf wieder Spaß machen – aber mit Verstand. Die Zeiten der reinen Provokation und des Hype um des Hype willen scheinen vorbei. Was zählt, ist Handwerk, Qualität und ein bewusster Umgang mit dem, was man trägt.
Cloud Dancer als Pantone-Farbe mag auf den ersten Blick uninspiriert wirken. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Eine weiße Leinwand, auf der jeder seine eigene Geschichte erzählt. Mit Chartreuse oder Kobaltblau, mit Soft Tailoring oder Bubble-Silhouetten, mit Leinen oder transparenter Seide.
Die beste Mode war schon immer persönlich. In Frühling 2026 hat man endlich wieder die Erlaubnis, das auch zu zeigen.
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